Werth_2017

Deutsch-Französische Gesellschaft Paderborn

Société franco-allemande de Paderborn

Absolutistische Versuchung oder Revolution der Vernunft?

Vortrag von Mathias Werth

 

Am Dienstag, 10. Oktober, hatte die Deutsch-Französische Gesellschaft einen besonderen Gast: Mathias Werth, Fernsehkorrespondent der ARD in Paris kam zu einem Vortrag für Mitglieder und Interessierte.

 

Mathias Werth freute sich, „in seiner Heimat“ zu sein und brachte gleich ein paar Jugendfreunde aus Nieheim mit. Er hatte nie Französischunterricht und legte sein Abitur in Bad Driburg ab. Als Monitor-Redakteur wurde er bekannt, seit 2014 ist er als Korrespondent in Paris – für ihn „die schönste Stadt der Welt“.

 

Für Werth begannen die großen politischen Veränderungen in Frankreich mit dem Terroranschlag auf ‚Charlie Hebdo‘. Hollande reagierte, so meint der Journalist, sehr gut, aber er reagierte nur da wirklich gut; ansonsten wollte er es allen Recht machen, was ihn schließlich zum unbeliebtesten Präsidenten Frankreichs werden ließ. Als Macron als Wirtschaftsminister aus dem Parlament ausschied, sei dies der Anfang vom Ende gewesen. Nun sollte Fillon neuer Präsident werden, aber er scheiterte an seinen Affären, seinem Ehrgeiz, seiner Selbstgefälligkeit – so M. Werth. Letzterer zitiert Napoleon: „Man verdankt immer etwas dem Zufall.“ Auch für Macron waren die Affären Fillons glückliche Zufälle, die ihn nun zu einer Führungsfigur in Europa werden lassen.

 

Seine Karriere begann er zunächst unsicher; er hatte wenig Charisma und seine ersten Reden waren wie die eines Schülersprechers, so berichtet Werth. Mit Unterstützung seiner Frau Brigitte entwickelte er sich zu einem charismatischen Redner und Visionär.

 

Marine Le Pen verlor nach Meinung von Werth die Wahl, weil sie die Franzosen für dümmer hielt als sie sind. Die Antworten von Le Pen passten nicht mehr zu den Fragen, die die Franzosen und Französinnen nun hatten.

 

All das führte zu einer großen Veränderung in der Parteienlandschaft Frankreichs. Die Sozialisten sind an den Rand gedrängt, die Konservativen und auch der Front National gespalten. Man solle sich als Deutscher vorstellen, dass CDU und SPD kaum noch Wichtigkeit hätten.

 

Werth weiß, dass Macron Pläne und Visionen für Frankreich und für Europa für die nächsten 10 Jahre bereit hat. Und er betont, dass der französische Präsident durch die Verschränkung von Legislative und Exekutive mehr Macht hat als der US-Präsident.

 

Einen Nachteil sieht Werth: Dadurch dass viele Macron gewählt haben, weil sie M. Le Pen verhindern wollten, hat er nicht wirklich aus Überzeugung die absolute Mehrheit in Frankreich. Außerdem weiß er, dass er nicht viel Zeit für Veränderungen hat. Die Geduld der Franzosen sei aufgebraucht.

 

Die derzeitigen Streiks und Demonstrationen anlässlich der Arbeitsrechtreform Macrons sieht Werth gelassen. Es seien weit weniger als unter den Vorgängerpräsidenten, die auf die Straße gingen. Macron habe es nicht nur geschafft, die Parteien, sondern auch die Gewerkschaften und die Schüler- und Studentengruppen zu spalten.

 

Klug war es, gleich am Anfang seiner Amtszeit alle Gewerkschaften einzuladen, über 50 Gespräche zu führen und dann seine Reform, die bereits in Kraft ist, durchzuführen.

 

Als großen Fehler kritisiert Werth allerdings die Maßnahme, die Vermögenssteuer der Reichen auf ihre Yachten, ihren Schmuck etc. und gleichzeitig 5€ Wohngeldzuschuss für Studenten zu streichen.

 

Sowohl innenpolitisch, als auch europapolitisch sieht Werth Macron unter Erfolgsdruck. In seiner Europarede müsse man besonders die Passagen ansehen, die – im Vergleich zu seinen Reden vor der Wahl – jetzt nicht mehr genannt wurden, um auf die anderen europäischen Länder, auch auf Deutschland zuzugehen. Zum Beispiel sprach er nicht mehr von den Exportüberschüssen Deutschlands, auch Militärausgaben und europäische Altschulden waren kein Thema mehr. Das zeigt, dass er nicht – wie FDP-Chef Lindner befürchtet – den Deutschen das Geld aus der Tasche ziehen wolle.

 

Macron habe kein geringeres Ziel als die „Neugründung Europas“, so Werth. Nur ein starkes Europa könne die Souveränität der Nationalstaaten sichern. Dies sei die sicherste Vorbeugung gegen das Erstarken der extremen Kräfte in Europa. Hier nehme er sich ein Beispiel an Louis Pasteur, für den auch die Vorbeugung wichtiges Ziel war – Macrons Europarede fand nicht im Elysée-Palast, sondern an der Sorbonne-Universität statt! Einige Ideen Macrons sind z.B. die Mindeststeuer, ein gemeinsamer Militäretat und eine europäische Eingreiftruppe. Er unterstützt das Konzept des ‚Europas der zwei Geschwindigkeiten‘.

 

Zum Schluss seines Vortrags stellt Werth die Frage: „Macron steht vor der Tür. Wollen wir ihn ‚reinlassen?“

 

Im Anschluss entspann eine rege Diskussion und Fragerunde mit dem Korrespondenten. Hier betonte Werth, dass die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den Pariser ‚Banlieues‘ auch weiterhin ein großes Problem sein wird und dass aus dem Milieu der früheren Autoanzünder die jetzigen Terroristen kommen. Jeder in Frankreich rechne mit weiteren Terroranschlägen; keiner weiß, wann und wo.

 

Auf die Frage, wie sich der Ausnahmezustand im Alltag bemerkbar macht, antwortete Mathias Werth sehr persönlich. Er beschrieb, dass er, sobald er aus dem Studio gehe, nicht mehr – wie früher – Feierabend habe, sondern sich dieses Gefühl erst zuhause einstelle. Man gehe mit mehr Sorge durch die Stadt, es gebe mehr Kontrollen, z.B. am Bahnhof ‚Gare du Nord‘, wo er ankommt, wenn er aus Deutschland kommt.

 

Mathias Werth präsentierte sich dem zahlreichen Publikum als sachkundiger, erfahrener Journalist und Korrespondent, aber auch als bodenständiger, jede Frage ernst nehmender, freundlicher Ostwestfale.