Unsere Chronik

Deutsch-Französische Gesellschaft Paderborn

Société franco-allemande de Paderborn

 

Unsere Chronik

 

60 Jahre Deutsch-Französische Gesellschaft Paderborn

 

 

Die Keimzelle der Deutsch-Französischen Gesellschaft Paderborn war ein kleiner Kreis Paderborner Bürger, der sich seit 1951 einmal im Monat in einem Café traf, um in der Tradition der Konversationszirkel früherer Zeiten das zwanglose Gespräch in französischer Sprache zu pflegen. Im folgenden Jahr beschloß dieser Cercle français, sich als „Deutsch-Französische Gesellschaft“ einen offiziellen Status zu geben; deshalb kann 1952 als Entstehungsjahr der DFG Paderborn betrachtet werden. Die Eintragung der Gesellschaft in das Vereinsregister erfolgte kurz danach am 14. Januar 1953.

 

Die ersten Vorsitzenden waren der Oberreichsbahnrat a.D. Wilhelm Engel und - seit 1958 - Frau Alice Schöningh. Die Gründergeneration der DFG hatte zwei schreckliche Weltkriege erlebt, bei deren Ausbruch die „Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland eine fatale Rolle gespielt hatte, und wußte aus bitterer Erfahrung, wie wichtig das gegenseitige Verständnis der Völker für die Erhaltung des Friedens war. In ihrem ersten Statut setzte sich deshalb die DFG zum Ziel, „in Deutschland mit allen geeigneten Mitteln Verständnis für die französische Kultur, die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Einrichtungen Frankreichs (zu) wecken und in geeigneter Weise daran mit(zu)wirken, daß deutsche Kultur sowie die genannten Einrichtungen Deutschlands in Frankreich richtig verstanden werden“.

 

Im ersten Jahrzehnt war es allerdings aus personellen und finanziellen Gründen für die DFG Paderborn nicht immer leicht, dieser Zielsetzung zu folgen - z.B. durch die Organisation öffentlicher Veranstaltungen -, weil die Mitgliederzahl zeitweise nur zwischen 25 und 35 Personen betrug; und so beschränkte sich die Aktivität zumeist auf monatliche Zusammenkünfte, bei denen Referate in französischer und deutscher Sprache gehalten wurden.

 

Die Besiegelung der Städtepartnerschaft Paderborn - Le Mans am 3. Juni 1967, die die Idee der jahrhundertealten Bruderschaft zwischen den Kirchen beider Städte für die politischen Gemeinden fruchtbar machen will, gab auch der DFG Paderborn einen neuen Auftrieb. Der 1968 gewählte Vorstand strebte unter seinem Vorsitzenden Gereon Fritz eine stärkere Öffnung der DFG nach außen an: Aus einem eher privaten Lese- und Gesprächskreis entstand eine Vereinigung, die auch heute noch und in Zukunft für alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt Paderborn und der umliegenden Gemeinden offen sein möchte. Sie hat nach wie vor zum Ziel, alle Maßnahmen zu unterstützen, die der deutsch-französischen Verständigung dienen; sie ist um die Integration der unter uns lebenden Franzosen bemüht; sie pflegt die partnerschaftlichen Beziehungen zu Le Mans; sie ist - soweit möglich - behilflich bei der Vermittlung von Kontakten mit Frankreich und möchte insbesondere die jungen Bürgerinnen und Bürger für das Erlernen der französischen Sprache im Bereich der Schule und der Erwachsenenbildung motivieren.

 

Als Gereon Fritz im Jahre 1987 aus beruflichen Gründen nach Köln ging, übernahm die Beigeordnete Annette Hagemann den Vorsitz der DFG, allerdings nur für ein gutes Jahr, weil auch sie Paderborn aus beruflichen Gründen verließ. Am 20. Januar 1989 wurde Professor Helmut Wild von der Mitgliederversammlung zum Vorsitzenden gewählt. Im Februar 1995 übergab er das Amt an Maria Lis, die bis heute die Geschicke der DFG Paderborn lenkt. Sie hatte Helmut Wild bereits als stellvertretende Vorsitzende bei seiner Arbeit unterstützt und gehört dem Vorstand jetzt seit über 40 Jahren an.

 

In den letzten Jahrzehnten gelang es den vier genannten Vorsitzenden in enger Zusammenarbeit mit den übrigen Mitgliedern des Vorstands, mit breit gefächerten Veranstaltungsprogrammen einen größeren Adressatenkreis anzusprechen, der nicht nur die Mitglieder der Gesellschaft umfaßte. Neben einem vielfältigen kulturellen Angebot - Theater- und Chansonabende, Konzerte, Gedichtvorträge, landeskundliche Film- und Bildvorträge, Vorführung von Kinofilmen, Besuch von Kunstausstellungen - wurden auch Referate und Podiumsdiskussionen zu Fragen der Politik und der Wirtschaft, Exkursionen, Wanderungen, Studien- und Wanderfahrten nach Frankreich, Kochkurse, Tanzveranstaltungen und gesellige Abende organisiert. Mit ihren Rundbriefen haben die Vorsitzenden die Mitglieder und Interessenten regelmäßig informiert und zu den Veranstaltungen eingeladen.

 

Wenn auch die Arbeit der jeweiligen Vorstandsmitglieder und ihrer Vorsitzenden in den nunmehr sechs Jahrzehnten von einer erfreulichen Kontinuität geprägt war, so wurden doch - entsprechend den sich jeweils ergebenden Möglichkeiten und Bedürfnissen - wechselnde Akzente gesetzt. Unter der Leitung von Gereon Fritz gelang es, durch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit, durch eine engere Kooperation mit der Stadtverwaltung und durch die Mitarbeit im Partnerschaftskomitee die DFG Paderborn einem breiteren Publikum bekannt zu machen, durch die Gewinnung von Förderern die Arbeit der DFG auf eine festere ökonomische Basis zu stellen und durch die Mitarbeit zahlreicher Französischlehrer einen besseren Zugang zu den Schülerinnen und Schüler der ganzen Region zu finden. Unter dem Vorsitz von Frau Hagemann und Herrn Prof. Wild traten an die Stelle der unterschiedlich besuchten tables rondes die regelmäßig mit einer bestimmten Thematik verbundenen Monatstreffen, die auch für Nichtmitglieder offenstanden. Durch gemeinsame Familienwanderungen wurden seit 1993 die Kontakte mit den benachbarten Deutsch-Französischen Gesellschaften in Detmold und Bielefeld verstärkt.

 

Unter dem Vorsitz von Maria Lis schließlich bemüht sich der Vorstand bis heute um eine ansprechende Weiterentwicklung der Programmgestaltung durch Veranstaltungen, die zum Teil im Jahres- oder Zweijahreszyklus regelmäßig angeboten werden: seit 1999 Dîners amicaux jeweils am 22. Januar, dem Deutsch-Französischen Tag, mit einem künstlerischen und musikalischen Rahmenprogramm; Kochkurse und Weinproben, die sich an der Thematik der Exkursionen und Studienfahrten des betreffenden Jahres orientieren; seit 2004 regelmäßige Lesewettbewerbe mit Schülern der Paderborner Gymnasien, Gesamtschulen und Realschulen; Kooperation mit dem Filmtheater „Cineplex“, wo jedes Jahr im März das Jugendfilmfestival Cinéfête stattfindet und im November ein weiterer aktueller französischer Film gezeigt wird; themenorientierte Wanderungen unter Führung von Forstbeamten; Einführungsvorträge des Vorstandsmitglieds Brigitte Kleymann zu den geplanten Besuchen von Kunstausstellungen; Besuche der großen Paderborner Ausstellungen mit Einführungsvorträgen von Prof. Stiegemann und Dr. Kroker; vorweihnachtliche Treffen zum Jahresende. Am Stammtisch «Bonjour aux francophones» trifft man sich 4-6mal im Jahr, um unter Leitung des Vorstandsmitglieds Brigitte van der Poll tagesaktuelle oder landeskundliche Themen zu erörtern und sein erlerntes Französisch in zwangloser Runde zu pflegen. Durch die regelmäßige Einladung von Professoren und Dozenten wurden die Kontakte zum Fachbereich Romanistik der Universität Paderborn verstärkt (vgl. z.B. die Vorträge von Prof. Dr. Jutta Langenbacher-Liebgott über die Sprache in der politischen Kommunikation im Juli 2004, von Prof. Dr. J. Thomas über Frankreich in der Levante im Dezember 2009 oder von Prof. Dr. A. Arens über die Kathedrale von Chartres im Dezember 2010). Mit einer von vielen Mitgliedern unterschriebenen Petition setzte sich die DFG Paderborn im Juli 2001 erfolgreich für die Erhaltung des Fachbereichs Romanistik in Paderborn ein und besuchte im Juni 2006 diesen Fachbereich in der Universität. Enge Kontakte werden auch gepflegt mit dem Paderborner Lehrerausbildungszentrum PLAZ und mit den Studierenden des 2004 an den Universitäten Le Mans und Paderborn eingeführten deutsch-französischen Doppeldiplomstudiengangs Études Européennes, die gern die Veranstaltungen der DFG Paderborn besuchen und dankbar die jährliche Einladung zum Dîner amical annehmen.

 

Dem Gedanken- und Erfahrungsaustausch dienten und dienen die jährlichen Einladungen zur Journée de dialogue in Berlin durch den französischen Botschafter, die Begegnungstreffen mit anderen Deutsch-Französischen Gesellschaften Westfalens, die seit 1982 stattfinden, zu wiederholten Malen auch in Paderborn, und die Jahreskongresse der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften für Europa e.V. (VDFG), die abwechselnd in einem deutschen und einem französischen Ort ausgerichtet werden und an denen auch jeweils eine Delegation der DFG Paderborn teilnimmt. Einen engen Kontakt pflegt die DFG Paderborn außerdem zur Franz-Stock-Gesellschaft in Arnsberg, deren Mitglied sie ist. Als katholischer Priester der Erzdiözese Paderborn war Abbé Franz Stock (geboren 1904 im heutigen Arnsberger Ortsteil Neheim, gestorben 1948 in Paris) während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg Seelsorger der Gefängnisse von Paris und der Hinrichtungsstätte auf dem Mont Valérien und gilt als Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft. Zur Zeit entsteht in dem historischen Gebäude des „Stacheldrahtseminars“ von Chartres eine religiös-kulturelle europäische Begegnungsstätte, die den Namen Franz Stocks trägt.

 

Als sehr fruchtbar erwiesen hat sich die enge Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Paderborn (z.B. bei der gemeinsamen Organisation von Französischen Kulturtagen oder bei Konzerten im Rathaussaal), mit der Volkshochschule Paderborn (vgl. z.B. das „Rendez-vous mit Frankreich“ im Jahr 2000), mit den Instituts français der Region (z.B. bei der Durchführung von didaktischen Seminaren für Französischlehrer) und mit dem französischen Generalkonsulat in Düsseldorf (z.B. bei der Erteilung von Wahlvollmachten für die in Paderborn und Umgebung lebenden französischen Staatsangehörigen und bei Besuchen in Düsseldorf anläßlich von Feiern zum 14 juillet).

 

Beständig gepflegt wurde in der DFG Paderborn selbstverständlich auch in den letzten Jahrzehnten die Partnerschaft mit Le Mans, die schon 1977 der damalige Vorsitzende Gereon Fritz in seiner „Geschichte einer Städtefreundschaft“ ausführlich dargestellt hat. Der frühere stellvertretende Bürgermeister der Stadt Le Mans und jetzige Präsident des Europahauses Le Mans-Sarthe und des Tourismusbüros Le Mans, Jean-Paul Couasnon, kommt häufig zu Besuch an die Pader, zuletzt im Frühsommer dieses Jahres; wiederholt hat er in Veranstaltungen der DFG Vorträge gehalten, und er führt natürlich besonders gern Paderborner Besucher durch seine Heimatstadt. So betreute er auch persönlich die Reisegruppen der Paderborner DFG, als sie 1996 und 2009 nach Le Mans kamen. Der Leiter der Kulturabteilung der Stadt Le Mans, Pierre-Michel Robineau, Ehrenmitglied der DFG Paderborn, hat seit 2001 bereits fünfmal mit befreundeten Künstlern ein interessantes Rahmenprogramm für das Dîner amical der DFG dargeboten. Seit vier Jahren reist Maria Lis auf Einladung des dortigen Bürgermeisters mit Vorstandsmitgliedern in der Adventszeit nach Le Mans, um dort, assistiert von Studierenden der Études Européennes, deutsche Advents- und Weihnachtskultur zu präsentieren: Das Paderborner Chalet, wo typisch deutsches Weihnachtsgebäck angeboten wird und der heilige Nikolaus mit Stab und Mitra auftritt, ist inzwischen ein beliebter Anziehungspunkt des Manceller Marché de Noël geworden.

 

Daß die DFG Paderborn den Auftrag zur Völkerverständigung nicht auf das deutsch-französische Verhältnis einengt, sondern ihn exemplarisch versteht, zeigt sich zum einen darin, daß andere frankophone Regionen und Länder, in denen die französische Sprache und Kultur aus historischen Gründen eine besondere Rolle spielt, in die Programmgestaltung einbezogen werden (Vorträge über Québec, Madagaskar, Syrien und Wallonien sowie über das Département d’Outre-Mer La Réunion; vgl. z.B. den Vortrag von Dr. Rolf Franzbecker über 400 Jahre Québec im Oktober 2010 oder das Referat von Professor Roland aus Louvain über die Identitätsbildung im belgischen Staats- und Kulturraum im Mai 2011). In diesen Zusammenhang gehört auch die Studienfahrt nach Brüssel und Wallonien mit einer Führung durch das Europäische Parlament im Oktober 2002. Zum andern wird dem oben genannten Aspekt Rechnung getragen in der Zusammenarbeit mit der Europa-Union und mit den anderen Auslandsgesellschaften Paderborns. Diese konnten sich z.B. in einer Veranstaltungsreihe über ihre Partnerstädte den Mitgliedern der DFG vorstellen (1994 Bolton, 1995 Pamplona, 1996 Przemysl). Im Oktober 1996 fand eine gemeinsame Studienfahrt mit der Deutsch-Spanischen Gesellschaft nach Le Mans und Pamplona statt. Im Juni 2005 stand ein Konzert des Jugendsinfonieorchesters der Partnerstädte Bolton, Le Mans und Paderborn auf dem Programm. Mit den anderen deutsch-ausländischen Gesellschaften arbeitet die DFG Paderborn im Partnerschaftskomitee der Stadt zusammen und ist bei zahlreichen Veranstaltungen der Domstadt präsent (z.B. beim Liborifest und am NRW-Tag).

 

Bis 1980 wuchs die Zahl der Mitglieder auf rund 200 an; inzwischen gibt es circa 330 Mitglieder, eine Zahl, die dank neu eingetretener Personen über Jahre hinweg fast konstant geblieben ist. In regelmäßigen Rundbriefen werden sie von der Vorsitzenden nicht nur über die Veranstaltungen der DFG Paderborn ausführlich informiert, sondern auch durch Kopien von aktuellen Texten zur Reflexion über deutsch-französische Themen angeregt.

 

An dieser Stelle sollen nun noch einige Höhepunkte in der Arbeit der DFG Paderborn hervorgehoben werden. Da ist zunächst die Ausrichtung des Jahreskongresses der VDFG im September 1986 zu nennen, der sich zum Thema „Partnerschaft und Wettbewerb“ vornehmlich wirtschaftlichen Problemen zwischen den beiden Ländern widmete und für dessen Abschlußfeier Gereon Fritz den Bundespräsidenten a.D. Carl Carstens als Festredner gewinnen konnte. Im Rahmen dieses Kongresses wurde zum ersten Male der von der VDFG gestiftete Elsie-Kühn-Leitz-Preis verliehen, und zwar an den damaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments und langjährigen Bürgermeister von Straßburg, Pierre Pflimlin. Im Mai 1992 wurde unter der Leitung von Helmut Wild das 40-jährige Bestehen der DFG mit einem Folkloreabend und einem Festakt in der Paderhalle gefeiert. Im August 1999 gelang es Frau Lis, anläßlich des 1200-jährigen Jubiläums der Stadt Paderborn den langjährigen Korrespondenten der ARD Heiko Engelkes als Referenten zum Thema „Deutschland - Frankreich: Freunde, Partner, Konkurrenten“ einzuladen. Ein besonderes Erlebnis war der Besuch der Französischen Kapelle in der ehemaligen Adam-Kaserne in Soest (August 2001), wo der Landschaftsmaler René Coulon und der Architekt Guillaume Gillet im Jahre 1940 als Kriegsgefangene eine schlichte Bodenkammer in einen eindrucksvollen Gebets- und Andachtsraum verwandelt hatten. Neben den vielen musikalischen Höhepunkten - beispielhaft seien hier nur die Chanson-Abende mit Maxime Le Forestier (Juni 1984) und Georges Moustaki (April 1996), der Brel-Abend mit Philippe Huguet (September 2008) oder das Konzert der Maîtrise du Conservatoire de Musique, Chartres (April 2012) genannt - werden auch die großen Reisen der DFG noch vielen Mitgliedern in guter Erinnerung sein: die Studienwanderreise in den Morvan (1989), die Reisen in die Ile de France (1984), in die Picardie (1994 und 1995), nach Burgund (1997), nach Paris und Compiègne (1999), nach Korsika (2000), die bereits erwähnte Fahrt nach Brüssel und Wallonien (2002), die Reisen ins Elsaß (2005), nach Berlin (2007, mit dem Figaro-Journalisten Dr. Jean-Paul Picaper als Fremdenführer und dem Besuch der französischen Botschaft), nach Le Mans (2009) und schließlich wieder nach Paris (2011, mit der Einladung in die Residenz des deutschen Botschafters und mit einer Stadtführung durch den Politologen Prof. Dr. Henri Ménudier, der im Oktober 2008 in Paderborn einen bemerkenswerten Vortrag über die Reformpolitik Nicolas Sarkozys gehalten hatte).

 

Die DFG kann inzwischen auch auf eine lange Reihe von Fahrten zu Kunstausstellungen mit Werken französischer Meister zurückblicken, die sich großer Beliebtheit erfreuen: Ausstellungen in der Kunsthalle Tübingen mit Werken von Cézanne (1993), Renoir (1996) und Henri Rousseau (2001), Gauguin-Ausstellung 1998 im Folkwang-Museum Essen, Art-Nouveau-Ausstellung 2000 in Darmstadt, Cézanne-Ausstellung im Januar 2005 in Essen, «Monet et Camille» im Oktober 2005 in der Kunsthalle Bremen, Ausstellung „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ 2007 in Berlin, Museumsfahrt nach Bremen 2008: „Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900“, Chagall-Ausstellung in Münster 2009, Impressionisten-Ausstellung „Bilder einer Metropole (Paris)“ 2010 in Essen.

 

Da es in Zeiten eng strukturierter Lehrpläne immer schwieriger wird, Schülerinnen und Schülern die politische Bedeutung der historischen Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen nach dem Kriege und ihren besonderen Stellenwert für Europa nahe zu bringen, wurden Zeitzeugen eingeladen, vor Lehrern und Schülern Vorträge zu diesem Themenbereich zu halten: Der Historiker Professor von Thadden stellte im Mai 2006 das deutsch-französische Geschichtsbuch vor und behandelte dabei die Frage: „Welche Bedeutung hat in unserer Zeit die deutsch-französische Partnerschaft?“ Heiko Engelkes beleuchtete 2007 anhand eigener Erfahrungen den langen Weg der Aussöhnung der europäischen Völker, und Dr. Jean-Paul Picaper erläuterte den Jugendlichen am Europatag 2010 im voll besetzten Rathaussaal den durch die Schuldenkrise hervorgerufenen Beginn der Spannungen in Europa. Alle Referenten, deren Vorträge ein begeistertes Echo fanden und ein bemerkenswertes Interesse bei den jugendlichen Zuhörern weckten, warnten eindringlich vor einem Scheitern der Europäischen Union.

 

Zum Schluß stellt sich die Frage: Sind die Aktivitäten der Deutsch-Französischen Gesellschaft nach 60 Jahren noch zeitgemäß? Sind ihre Ziele heute nicht ebenso überholt wie auf staatlicher und wirtschaftlicher Ebene die Ziele der Montanunion, die ebenfalls im Jahre 1952 gegründet wurde? Schon 1986 bemerkte der Journalist Theo M. Loch während des VDFG-Kongresses in Paderborn, daß die deutsch-französische Partnerschaft in der Politik und in vielen anderen Bereichen Normalität geworden sei und ihren „Schlagzeilenwert“ verloren habe. Schließlich geht es heute in den Verhandlungen der Politiker, Diplomaten und Beamten innerhalb von Europa gottlob nicht mehr um Krieg und Frieden, sondern um Wirtschafts- und Finanzkrisen, Konjunkturförderungsprogramme, Fiskalpakte und Euro-Rettungsschirme, allenfalls um Dissonanzen bei Auslandseinsätzen in Krisengebieten anderer Kontinente.

 

Allerdings ist diese Entwicklung zur Normalität in Europa nicht nur den Politikern, sondern auch den persönlichen Kontakten zu verdanken, die durch Städte- und

Schulpartnerschaften sowie durch Initiativgruppen wie die Deutsch-Französischen Vereinigungen gefördert wurden. Ohne die aktive Mitarbeit der Bürgerinnen und Bürger beider Länder, ohne die „deutsch-französische Infrastruktur in Staat und Gesellschaft“ (Roger de Weck) fehlt der politischen Kooperation in Europa das Fundament. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist und bleibt auch nach dem Beitritt der osteuropäischen Länder ein Kernstück der inneren Einigung Europas, selbst wenn man der Ansicht des neu gewählten französischen Präsidenten François Hollande zustimmt, Frankreich und Deutschland dürften nicht den Eindruck erwecken, sie könnten allein für Europa entscheiden.

 

„Freundschaft kann nicht vererbt, sondern muß von jeder Generation neu erworben werden.“ Dieser Satz stand schon vor 10 Jahren in der Chronik der DFG Paderborn. Wie aktuell er geblieben ist, zeigt die Tatsache, daß François Hollande am 8. Juli 2012 bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der deutsch-französischen Versöhnung in Reims diesen Gedanken fast wörtlich aufgriff. Dieselbe Meinung steht auch hinter der Feststellung des Auslandskorrespondenten Axel Veiel, die junge Generation in Frankreich hege zwar keine Haßgefühle mehr gegenüber dem ehemaligen Erzfeind, begegne den Deutschen jedoch mit einer überraschenden Gleichgültigkeit. Zudem können unerwartete politische Entwicklungen, wie z.B. die aktuelle Schuldenkrise, schnell freundschaftliche Beziehungen, die gesichert zu sein scheinen, gefährden, alte Klischeevorstellungen über andere Nationen wieder beleben und nationale Egoismen wecken. Nach wie vor müssen deshalb Austauschprogramme unterstützt und der Deutschunterricht in Frankreich sowie der Französischunterricht in Deutschland gefördert werden. Eine differenzierte Kenntnis von Sprache und Kultur der Partnerländer bleibt auch in einer Zeit, wo viele glauben, man könne sich mit einer „globalen Drittsprache“ und einer weltweiten Monokultur zufrieden geben, das Fundament einer belastbaren Verständigung.

 

Die Arbeit der Deutsch-Französischen Gesellschaften in Deutschland sowie ihrer Partnergesellschaften in Frankreich wird somit auch in Zukunft unverzichtbar bleiben.

 

Helmut Eisermann, Juli 2012 (Aktualisierte Fassung der DFG-Chronik von 2002)

 

 

 

Die Fortschreibung unserer Chronik seit 2012 beginnt mit der zweiteiligen Jubiläumsfeier zum 60-jährigen Bestehen der DFG Paderborn im September 2012. Sie bestand aus einer fröhlichen musikalischen Soirée mit den Elsässer Künstlern Liselotte Hamm, Léopoldine Hummel und Jean-Marie Hummel im Schloss Neuhäuser Spiegelsaal und einem Festakt im Paderborner Rathaus, bei dem der französische Botschafter Maurice Gourdault-Montagne den Festvortrag hielt. Die in strahlendem Sonnenschein glänzende Citroën-Parade lenkte die Aufmerksamkeit der Paderborner auf den festlichen Anlass, der von zwei Neuerungen begleitet wurde: Das Jahresprogramm erscheint seit dem Jubiläumsjahr in Farbe, und unter www.dfg-paderborn.de wurde unsere Homepage freigeschaltet, die seitdem von Sylvain Victor betreut aktuelle Informationen über unser Programm sowie Berichte, Fotos und Presseartikel bereitstellt.

 

Kontinuität zeigt sich in den jährlich wiederkehrenden und bewährten Aktivitäten wie dem Dîner amical an jedem 22. Januar mit Künstlern aus Le Mans oder aus der Region, dem bereits dreizehnmal ausgerichteten und von Stefan Balthasar organisierten Vorlesewettbewerb für Schülerinnen und Schüler des 3. Lernjahrs und den von Brigitte van der Poll betreuten Stammtischen mit Konversation in einfachem Französisch. Die Filmwoche Cinéfête und weitere Filmvorführungen im Original mit deutschen Untertiteln führen die langjährige Kooperation mit dem Kino Cineplex/Pollux fort. Der Paderborner Stand auf dem Weihnachtsmarkt in Le Mans hat inzwischen bereits neunmal deutsche Weihnachtsbräuche präsentiert, adventliche Paderborner Leckereien angeboten und sich Jahr für Jahr zu einem Treffpunkt der partnerschaftlich interessierten Bürger etabliert.

 

Zahlreiche in der Regel gut besuchte Vorträge informierten unsere Mitglieder und weitere Interessenten im KolpingForum über verschiedenste deutsch-französische und europäische Themen. Landeskundliche Vorträge berührten die Normandie, die südfranzösischen Pilgerwege, die Frankreichrouten der Citroën-Veteranen Paderborn, Belgien, die Lebensbedingungen junger Muslime in Frankreich, die Migration französischer Wörter und als Abstecher ins Fernöstliche auch einmal China. Kulinarische Traditionen wie die Galette des Rois und Chandeleur sowie Weihnachtsbräuche wurden den Mitgliedern nahe gebracht. Historische Schwerpunkte wurden gesetzt mit Vorträgen über Abbé Stock, Philosophinnen im 16. – 18. Jahrhundert, die Schlacht bei Tours und Poitiers und anlässlich des Weltkriegsgedenkens über Verlauf und Folgen des ersten Weltkriegs. Paderborner Themen waren das 10-jährige Bestehen des Doppel-Diplomstudiengang Études Européennes und, zumeist im Anschluss an die Mitgliederversammlung, die Credo-Ausstellung, die Caritas-Ausstellung, die urbane Wasserlandschaft und die Klosterkirche Corvey. Politische Vorträge führten namhafte Referenten nach Paderborn, so die ehemalige Leiterin des DFJW Dr. Eva Sabine Kuntz mit einem Vortrag zur deutsch-französischen Zusammenarbeit 50 Jahre nach dem Elysée-Vertrag, den früheren Deutschlandkorrespondenten des Figaro Dr. Jean-Paul Picaper zu Herausforderungen der Europäischen Union und zweimal den Politologen Prof. Dr. Henri Ménudier mit Vorträgen über die Europawahlen und über den internationalen Terrorismus sowie vor Schülern über die deutsch-französische Zusammenarbeit und Europapolitik.

 

Musikalische Beiträge mit französischem Akzent gab es in Form von Lesungen, sei es mit Saxophonbegleitung aus dem Kleinen Prinzen, mit Gitarre zu Texten aus Tucholskys Pariser Zeit und mit Klavier zur Heine, Liszt und Chopin. Eine besonders erfolgreiche Präsentation bot die Gruppe Quai de Scène aus Le Mans mit einer biographisch angelegten Hommage an Edith Piaf, die einen Kinosaal zweimal füllte, davon einmal vormittags mit etwa 170 Schülern. Als weiterer Veranstaltungsort bot das Deelenhaus die Bühne für Philippe Huguet als Jacques Brel-Interpret und für Antje Huißmann. Besonders erwähnenswert ist die erfolgreiche Erstausgabe einer Fête de la Musique zum Sommeranfang 2017 im Außenbereich der Gaststätte La Maison. Die breite aktive Beteiligung bei Akkordeonbegleitung und die Nutzung eigens dafür geschaffener DFG-Liedermappen lässt eine jährliche Fortführung der beliebten französischen Tradition erhoffen.

 

Mehrtägige Reisen führten im Juni 2014 nach Brüssel ins EU-Parlament und ins Musée Fin de siècle mit Abstechern nach Waterloo und Liège und 2017 nach Lille ins Musée des Beaux Arts, Musée d’Art Moderne und Louvre-Lens mit Kurzaufenthalt in Gent. Tagesreisen mit Museumsbesuch führten nach Münster (Matisse), Bremen (Émile Bernard), Bonn (Japans Liebe zum Impressionismus) und Wuppertal (Degas und Rodin), ferner nach Soest (Französische Kapelle) und Schloß Neuhaus (Picasso). Gesellige Spaziergänge erschlossen das Wisentgehege Hardehausen und die Baustelle des Landesgartenschaugeländes in Bad Lippspringe.

 

Ein fruchtbarer Kontakt besteht weiterhin mit der Universität Paderborn (Teilnahme an Feierlichkeiten, Vorträgen und Kolloquien wie auch Vermittlung von Referenten), mit der Stadt Paderborn im Rahmen des Partnerschaftskomitees und der Auszeichnung zur europaaktiven Kommune und mit einem Stand am Aktionstag der Vereine und Verbände sowie mit offiziellen Stellen in Düsseldorf (Generalkonsulat) und Berlin (Botschafter). Des Weiteren wurde durch Teilnahme an den Regionalkonferenzen der DFGn Nordrhein-Westfalens in Arnsberg, Mönchengladbach, Brilon, Duisburg und Neuß und an den Jahreskongressen der VDFG in Bonn und Düsseldorf der persönliche Kontakt zu Nachbargesellschaften und zum Dachverband gewahrt.

 

Zwar zeigt die personelle Besetzung des Vorstands bis auf den Abschied von Lotti Behringer erfreulicherweise hohe Kontinuität, doch bedeutete die Verabschiedung von Maria Lis nach zwei Jahrzehnten als Präsidentin im April 2016 eine wahre Zäsur für die DFG Paderborn. In einer besonders gut besuchten Mitgliederversammlung wurde sie mit einem Abschiedslied, einem Fotoalbum und einer handgeschriebenen Urkunde feierlich verabschiedet und zur Ehrenpräsidentin ernannt, so dass sie dem Verein noch als gern gesehenes Mitglied erhalten bleibt. Als Nachfolgerin wurde Birgit Kelliger zur Vorsitzenden der DFG Paderborn gewählt, die bereits über viele Jahre aktiv im Vorstand mitgearbeitet hat. Die Mitgliederzahl hält sich relativ stabil im Bereich von 320, darunter nunmehr eine Ehrenpräsidentin und die beiden langjährigen Ehrenmitglieder Heribert Zelder und Pierre-Michel Robineau.

 

Vier weitere Ereignisse des abgelaufenen Quinquenniums sind noch zu ergänzen. Zum einen ist das der dreißigste Geburtstag des französischen Briefkastens am Kamp, dessen deutscher Bruder schon ebenso lange in der Avenue de Paderborn in Le Mans Dienst tut. Zum anderen die sprachliche und organisatorische Unterstützung zahlreicher Mitglieder beim Empfang der dreitausend Weltjugendtagspilger aus Nordwestfrankreich, die auf dem Weg nach Krakau Zwischenstation in Paderborn einlegten und zwischen Universität, Innenstadt und Schützenplatz die Gastfreundschaft der Paderborner erleben durften. Drittens das klare proeuropäische Bekenntnis, das in der aktiven Teilnahme an drei Pulse of Europe-Demonstrationen vor dem Paderborner Rathaus zum Ausdruck gebracht wurde. Und schließlich die Feier der fünfzigjährigen Städtepartnerschaft, die zunächst in Le Mans anlässlich der Eröffnung der Nuits des Chimères und drei Wochen darauf in Paderborn am deutsch-französischen Liborimontag mit einer Erneuerung des Partnerschaftsvertrags gefeiert wurde.

 

Wie entwickelte sich das deutsch-französische Verhältnis zwischen 2012 und 2017? Obwohl der fünfzigste Geburtstag des Elyséevertrags und die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union höchst positive Signale waren, überwog zuletzt eine gewisse Skepsis - genährt durch Terroranschläge in Paris, Nizza und anderen Teilen Europas, durch offensichtliche Uneinigkeit im deutsch-französischen Tandem wie auch in der EU-Führung hinsichtlich der Griechenlandhilfe und der Flüchtlingsfrage bis hin zu Austrittsforderungen national denkender Gruppierungen und dem tatsächlichen Brexitvotum. Die gemeinsame Sorge um den Wahlausgang in Frankreich und die allgemeine Erleichterung nach der Wahl Macrons scheinen dem deutsch-französischen Motor wieder Schwung verleihen zu können. Eine Laune des Wahlkalenders war es, dass genau in der Fuge der beiden für Europa höchst bedeutsamen Wahlen in Frankreich und Deutschland unser Städtepartnerschaftsjubiläum liegt. Die intensive freundschaftliche Begegnung der Bürger unserer beiden Städte zu Libori erinnert daran, dass die enge Bindung zweier Länder und auch eines ganzen Kontinents von Regierungen und Stadträten besiegelt und gefördert werden kann, letztlich aber in zahllosen persönlichen Begegnungen und Austauschen wirkt und lebendig bleibt. Insofern geht vom Sommer 2017 ein starker Impuls für die deutsch-französische Freundschaft aus.

 

26. Juli 2017

Stefan Balthasar